Rahmen basteln oder wie interkulturelle Teilhabe gelingt.

Christian Baier

Foto: DJF/Peter van Heesen

Kathrin Schrader – CITIZEN JOURNALIST, Berlin – spricht mit Christian Baier über das erfolgreiche Überwinden von engen Kästchen.

Als ich mich mit Christian Baier für das Interview verabredete, fragte er mich, über welches seiner Arbeitsthemen wir reden möchten. Er begann aufzuzählen. Meine Notizen nach diesem Telefonat füllten ein Blatt in meinem Notizbuch. Da ging es um Stadtteilentwicklung, eine Zukunftswerkstatt, das Quartiersmanagement in Schöneberg, in dem Socius ab 2014 einen Prozess begleiten wird, um Organisationsentwicklung und um Entwicklungszusammenarbeit, das Jahr in Mali als Entwicklungsstipendiat des Deutschen Entwicklungsdienstes, nicht zuletzt auch um die Musik, den Chor. Ich fand das alles spannend und konnte mich nicht entscheiden. Christian ging es genauso.

Meine erste Frage, als wir uns dann trafen, war, wie ein Mensch diese vielen Themen in eine Vita bringt.

Christian: Ich muss gerade an ein Vorstellungsgespräch denken, das ich hatte, nachdem ich aus Mali zurückgekehrt war. Der Personalchef sagte, mein Lebenslauf sei voller Brüche. Dabei stand ich noch am Anfang meiner beruflichen Laufbahn und empfand es gar nicht so. Nach diesem Gespräch habe ich genauso wie jetzt darüber nachgedacht, wodurch das alles eigentlich verbunden wird. Ich denke, dass es in der Stadtteilentwicklung ebenso wie in der Organisationsentwicklung darum geht, Räume zu öffnen, in denen Menschen gemeinsam Ideen verwirklichen können, wo sie spüren, dass sie nicht allein auf der Welt sind. Dieselbe Idee steht auch hinter der Kreditunion-Genossenschaft, die ich mit Kollegen und Freunden gerade gegründet habe. Wir möchten Menschen, die aus verschiedenen Gründen bei Banken keine Kredite bekommen, finanzielle Hilfe bieten.

Man könnte sagen, es geht in jedem Fall um das RAHMENBASTELN, um das Öffnen von Perspektiven unter den Widrigkeiten der engen Kästchen, in denen wir agieren können.

Die Kreditunion-Genossenschaft fehlt noch auf meinem Christians-Projekte-Notizzettel.

Christian: Ich war schon immer ein Finanz-Fuzzi, obwohl ich Sozialpädagogik studiert habe. Ich fand, dass das Thema Finanzen im Studium zu kurz kam. Aber auch hierbei interessiert mich der kulturelle Unterschied: Wer reagiert wie worauf? Bisher nehmen hauptsächlich Migranten aus Afrika unsere Mikrokredite in Anspruch. Denn sie haben keinen Zugang zu Banken. Deshalb sind sie froh, hier die Möglichkeit zu haben, einen kleinen Kredit aufzunehmen, für eine Geschäftsgründung zum Beispiel.

Rahmenbasteln, Perspektiven eröffnen in unseren engen, widrigen Kästchen– das ist ein schönes Bild! Was muss man als Rahmenbastler beachten?

Christian: Ich habe mit vielen Menschen zu tun, mit Organisationen, die sich DIVERSITY auf die Flagge geschrieben haben. Neulich war ich in so einer Organisation. Sie hatten immerhin zwei Mitarbeiter, die nicht aus Europa kamen. Einer von ihnen fühlte sich noch nicht richtig angekommen. Statt sie zu fragen, wie SIE denn bestimmte Dinge machen würden, erwartete man von ihnen, dass sie lernen, wie WIR diese Dinge tun. Für mich stellt sich dann immer die Frage nach wirklicher Beteiligung.

Warum erwarten einige, dass alle deutsch können? Als wir die Kreditunion gegründet haben, stellten sich 30 Leute einander vor, von denen nicht jeder deutsch konnte. Aber es gab in diesem Kreis genügend Übersetzer. Das dauerte ein bisschen länger, aber in meiner Erinnerung ist diese Gründungssitzung ein besonders schöner Moment, weil jeder den gleichen Stellenwert hatte. Es gab niemanden, der festlegte „wie der Hase läuft“, sondern jeder sprach mit der gleichen Stimme.

Ist das auch der Ansatz von socius in dem zukünftigen Stadtteilprojekt?

Christian: Dieses Projekt in Schöneberg, in das wir 2014 einsteigen, wird spannend. Natürlich möchte ich diesen Anspruch da einbringen. Socius baut den Rahmen für das Projekt, ist aber gleichzeitig auch Akteur. Wir werden Gespräche mit den anderen Akteuren, den Anwohnern und der Verwaltung führen. Ich freue mich, dass wir bei diesem Projekt eine Kollegin mit interkulturellem Hintergrund haben; die ich aber mindestens genauso wegen ihrer fachlichen Kompetenz und ihrem Interesse am Thema schätze. Und ich bin gespannt, welche interkulturellen Lernprozesse wir als Projektteam da durchlaufen.

Wenn man interkulturelle Projekte plant, sollte man bereit sein, sich selbst zu hinterfragen, damit andere folgen können. Ich habe mal in Neukölln eine Bürgerplattform mit aufgebaut. Wir sind von Tür zu Tür gegangen und haben die Leute gefragt, was sie persönlich für Vorstellungen und Wünsche haben. Wir haben sie auch gefragt, mit wem wir ihrer Meinung nach noch reden sollten. Die Leute waren positiv überrascht. Wir hatten ihnen das Gefühl gegeben, wirklich an ihnen interessiert zu sein.

Räume öffnen heißt aber nicht, dass man sich nicht begrenzen darf. Ich muss nicht alles gut finden und alles mitmachen, aber wir sollten über alles miteinander reden können.

Links:
Kreditunion http://www.kreditunion.coop/website/willkommen.html
Neues Projekt in Schöneberg 2014: http://schoeneberger-norden.de/Projektstart-Empowerment.3812.0.html
spannender Artikel im Abendblatt zum selben Thema: www.abendblatt-berlin.de/2014/01/17/gemeinsam-viel-erreichen/

Christian Baier ist Gesellschafter der Socius gGmbH in Berlin.

Wer lernen möchte, wie man gute Artikel schreibt und schriftlich kommuniziert, kann dies bei Kathrin Schrader tun.

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Veröffentlicht unter aktuelle Artikel, Organisationsentwicklung

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